Mit dem Terminus Graffiti kann jeder etwas anfangen: zuallererst denken wir dabei an die gesprayten Schriftzüge an Häuserfassaden und U-Bahnwaggons. Mit ihnen assoziieren wir zumeist Vandalismus, Illegalität und Subkultur. Der Begriff umfasst aber noch viele andere Texte, Zahlen und Bilder, die in Antike, Mittelalter und Neuzeit ungefragt an Oberflächen angebracht wurden. Oder, wie sie Martin Langner definiert: Inschriften, die an nicht primär dafür vorgesehenen Orten angebracht wurden. [1]

„Ungefragt“ bedeutet dabei nicht zwangsläufig verboten, und nicht alles, was für moderne Spraygraffiti gilt, lässt sich vorbehaltslos auf historische Graffiti übertragen. Schon allein die Tatsache, dass sich beispielsweise römische Graffiti in großer Zahl auch in Wohnhäusern (z.B. in Pompeji oder Ephesos) finden, zeigt, dass sie in römischer Zeit offenbar anders wahrgenommen wurden – was auch daran liegen kann, dass sie sehr viel kleiner und visuell weniger präsent (störend?) waren als zeitgenössische Spraytags es sind. Modernes Graffiti-Writing ist zudem im Ursprung ein politisches Phänomen, eine provokante Okkupation des öffentlichen Raums, wohingegen die meisten historischen Graffiti sehr viel alltagsbezogener und banaler sind.

Historische Graffiti wurden i.d.R. eingeritzt oder mit Kreide, Kohle oder anderen Farben angeschrieben. Viele von ihnen sind „Erinnerungsgraffiti“ [2]: Namen, manchmal verbunden mit anderen Identitätsträgern wie z.B. Porträtzeichnungen oder Wappen, wie im Falle spätmittelalterlicher/ frühneuzeitlicher Adelsgraffiti. Mit ihnen verewigten sich ihre Macher z.B. in Kirchen und an Pilgerorten, die sie besuchten und passierten. Diese Graffiti ähneln also eher denjenigen, die man heute an Touristenorten findet, als modernen Spraytags mit künstlerischem Anspruch. Erinnerungsinschriften kennen wir aber auch von Stätten, an den Menschen sich gezwungenermaßen aufhielten, nämlich aus Karzern und Gefängnissen.

Das Problem liegt also darin, dass ganz verschiedene Inschriften aus unterschiedlichsten historischen Epochen ebenso wie zeitgenössische Street Art als Graffiti bezeichnet werden. Aufgrund der Heterogenität des Materials treffen aber nicht dieselben Charakteristika auf alle diese Inschriften gleichermaßen zu, weder was Technik, Form, Inhalt noch Entstehungssituation, Motivation und Funktion angeht.

(Text und Foto: Polly Lohmann. Graffito in New York, Williamsburg)

[1] M. Langner, Antike Graffitizeichnungen. Motive, Gestaltung und Bedeutung, Palilia 11 (Wiesbaden 2001) 12

[2] van Treeck, Graffiti Lexikon. Legale und illegale Malerei im Stadtbild (Berlin 1998) 84

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