Graffiti des 14.16. Jahrhunderts. Ein Beitrag von Prof. Dr. Detlev Kraack (Plön) und weiterer Vorgeschmack auf die Konferenz.

Im Spätmittelalter gehörte das Reisen zu den Tätigkeiten, mit denen Adelige und Patrizier Ruhm und Ehre erwerben konnten. Dies war in der ebenso agonalen wie hierarchisch strukturierten Sozialordnung der Zeit statusbegründend und statuserhaltend. Folglich ging es nicht nur darum, möglichst exklusive, weit entfernte Reiseziele anzusteuern, sondern man musste die eigene soziale Bezugsgruppe auch über das der Intention nach ehrenvolle Handeln unterrichten, war diese Gruppe es doch, die einem am Ende Stand und Status zuwies. mobiliora – nobiliora („je weiter und gefahrvoller, desto ehrenvoller“), hieß es damals nicht von ungefähr. Gleichzeitig lassen sich innerhalb von einzelnen Adelsfamilien, aber auch von lokalen Adelsgesellschaften und Patriziergruppen regelrechte Reisetraditionen festmachen. Waren schon Vater und Onkel ins Heilige Land gereist und hatten sich in der Grabeskirche zum Ritter schlagen lassen, so weckte das entsprechende Erwartungen an nachfolgende Generationen und fand in diesem Sinne auch Niederschlag in der Schriftquellenüberlieferung und in der Erinnerungskultur der Familie.

Ehrstiftende und traditionsbildende Erinnerung wurde indes nicht nur an den Heimatorten der Reisenden gestiftet: Auch und vor allem an den Stationen ihrer Reisen, die die Adeligen und Patrizier ins Heilige Land, nach Santiago de Compostela, nach Rom und zu vielen anderen sakralen und profanen Orten führten, hinterließen diese Zeichen ihrer Anwesenheit. Diese dienten gleichsam als Beleg für die eigene, statusbegründende Mobilität. Von den in sehr unterschiedlicher materieller Ausprägung nachgewiesenen Zeugnissen, die neben Namen und Aufenthaltsjahren insbesondere auch heraldische Zeichen, d.h. Wappen und Helmzierden, zeigten, hat sich in situ kaum etwas erhalten. Gleichwohl erfahren wir aus Reiseberichten und Reiserechnungen von den ganz unterschiedlichen Ausprägungen des Phänomens in der zeitgenössischen Wirklichkeit: So hinterließen die Reisenden, wo dies möglich war, bereits vorher angefertigte, z. T. sogar gedruckte kleine Papierblätter oder auch Holztäfelchen mit Namen und Wappen, ließen durch Künstler mehr oder weniger professionelle Inschriften anbringen, oder kratzten, wenn dies nicht möglich war, sobald sie sich unbeobachtet glaubten, selbst entsprechende Graffiti in die Wände profaner oder sakraler Gebäude, und zwar wenn möglich an exponierter Stelle, wo diese Zeugnisse von möglichst vielen anderen Reisenden gesehen werden konnten. Dies war zumal an sakralen Orten streng verboten und wurde mit drastischen Strafen sanktioniert, wenn man einen der edlen Reisenden bei seinem Tun erwischte. Gleichzeitig sind uns aber auch Tipps dafür überliefert, wie man entsprechende Verbote unterlaufen, an den heiligen Stätten die Aufseher täuschen und sich dort möglichst nachhaltig verewigen konnte. Nach dem, was der bekannte Ulmer Dominikaner Felix Fabri, der in den 1480er Jahren verschiedentlich ins Heilige Land reiste, in seinem „Evagatorium“ berichtet, legten gerade die deutschen Adeligen eine besondere Verewigungswut an den Tag. Bereits ein flüchtiger Blick auf die spätmittelalterliche Überlieferung verdeutlicht, dass dies die Wirklichkeit zwar der Tendenz nach richtig, aber durchaus perspektivisch verzerrt wiedergibt. Warum gerade Niederadelige aus den Territorien des Reiches und Patrizier aus den großen oberdeutschen Städten darum bemüht waren, Stand und Status deutlich herauszustreichen, wirft weiterführende Fragen nach der damaligen Lage des Adels auf, der sich gegenüber aufsteigenden frühbürgerlichen Kräften wirtschaftlich und sozial zunehmend in die Defensive gedrängt sah.

Bei der Rekonstruktion des Phänomens sieht man sich bei dem wenigen, was an Inschriften von adeligen Reisenden des Spätmittelalters überhaupt erhalten ist, mit einem spezifisch asymmetrischen Überlieferungsverlust konfrontiert. Da sich entsprechende Zeugnisse auf Holz und Papier als mehr oder weniger ephemer erwiesen, sind heute fast ausnahmslos die von den Adeligen selbst hinterlassenen Zeugnisse erhalten: So sehen wir uns auf der Suche nach der spätmittelalterlichen Wirklichkeit eher mit geritztem Dilettantismus als mit repräsentativem Glanz und professioneller Farbigkeit konfrontiert. Hier kann nur eine intensive Auseinandersetzung mit der parallel entstandenen Schriftquellenüberlieferung dabei helfen, das Phänomen in seiner gesamten Tiefe und in seiner Breite zu erfassen.

Der interdisziplinär und vergleichend angelegte Vortrag zielt darauf ab, das Phänomen der adeligen Verewigung auf Reisen an konkreten Beispielen aus der an einigen Orten im Heiligen Land, auf dem Sinai und in Ägypten, aber etwa auch in Italien erhaltenen Sachüberlieferung vorzustellen. In einem zweiten Schritt werden Zeugnisse der Schriftquellenüberlieferung dazu herangezogen, die wenigen erhaltenen Fragmente der vormals sehr viel reicheren materiellen Überlieferung einer adäquaten Interpretation zuzuführen. Schließlich soll im Austausch mit Spezialistinnen und Spezialisten für die materiellen Zeugnisse aus anderen Epochen die spezifische Ausprägung der repräsentativen Verewigung  im Mittelalter herausgearbeitet werden.

(Fotos: Detlev Kraack)

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