Der Palast von Urbino beherbergt tausende von Graffiti aus über fünf Jahrhunderten: seit seinem Bau, der im Auftrag Federico da Montefeltros wohl 1454 begann, haben Bewohner und Besucher, Wachsoldaten, Bedienstete, möglicherweise auch Mitglieder der Fürstenfamilie selbst sich an seinen Wänden verewigt. Ihre Inschriften überlagern sich zum Teil, bilden dichte Netze geritzter Linien vor allem im Eingangsbereich des Palastinnenhofes. Auch in den Innenräumen liest man Vieles, wo noch die originalen Türrahmen und -schwellen vorhanden sind. In den Wohnräumen der Fürstenfamilie finden sich Graffiti ebenso wie in den Bedienstetenquartieren, Küchen und Arbeitsräumen im Untergeschoss.

Den Graffiti aus dem Fürstenpalast hat Dr. Raffaella Sarti, Historikerin an der Università di Urbino Carlo Bo, eine eigene Ausstellung gewidmet. Fotografisch dokumentiert wurden die Inschriften von Manuele Marraccini für seine Diplomarbeit an der Hochschule für Kunst und Design (Istituto Superiore per le Industrie Artistiche – ISIA). Die Sonderausstellung mit dem Titel „La pietra racconta. Un Palazzo da leggere“ war vom 29. März bis 21. Mai 2017 in der Galleria Nazionale delle Marche im Palazzo Ducale von Urbino zu sehen. Ein kleinformatiger, gut strukturierter Katalog mit qualitätvollen Abbildungen zur Ausstellung ist auf Italienisch erschienen.

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Besonders ist nicht nur, dass sich in Urbino eine Ausstellung ausschließlich historischen Graffiti widmete, sondern auch, dass damit langfristig ein Konzept der digitalen Darstellung verbunden ist: Im Palast können per QR-Code neben den Inschriften Informationen aus dem Ausstellungskatalog abgerufen werden. Von einigen der Graffiti wurden auch 3D-Scans und daraus 3D-Drucke angefertigt, die als haptische Elemente den Besuchern einen Eindruck von der Materialiät der Ausstellungsobjekte vermitteln.

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Zugang zur Ausstellung.

Inschriften museal aufzubereiten hat den Nachteil, dass es sich um „Flachware“ handelt – um mehr oder weniger zweideimensionale Objekte, zumal wenn sie nur in Fotos und Umzeichnungen wiedergegeben sind. Dem ist Raffaella Sarti bei der Konzeption der Ausstellung mit verschiedenen Medien entgegengetreten: Die Geschichte des Palastes und der Fürstenfamilie(n), das Leben am Hof, spezifische Personengruppen wie die Schweizer Wachsoldaten, bestimmte Orte wie ein Balkon mit auffällig vielen Liebesbotschaften wurden anhand von Graffiti und zusätzlichen Text- und Bildquellen auf Tafeln erläutert, die waagerecht angebracht wie lange Tische durch die Ausstellung führten. Inhaltlich wurden im zweiten Raum mit Rätseln und Wortspielen, Bezügen zum Theater u.a. Schwerpunkte gesetzt.

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Erster Ausstellungsraum.

An den Wänden der Ausstellungsräume waren großformatige Fotos einzelner Graffiti angebracht, die, ganz ohne Textbeschreibung, einen visuellen Eindruck von den beschriebenen Wänden des Palastes gaben. Bildanimationen und ein Film im vorletzten Ausstellungsraum zeigten zusätzliche Beispiele von Graffiti aus dem Palast, und die bereits erwähnten 3D-Drucke dienten der sehr gelungenen haptischen Erfahrung der Graffiti.

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Tafel mit vergleichender Darstellung der Graffitizeichnungen von Porträtköpfen und Schiffen.

Fazit der Ausstellung war, dass die historischen Graffiti des herzoglichen Palastes von Urbino in ihren Inhalten und ihrer Verteilung die weite Verbreitung einer Schreibpraxis belegen, die offenbar mindestens toleriert gewesen sein muss. Insofern zeigt sich auch hier ein Anknüpfungspunkt zu den historischen Graffiti aus anderen Kontexten, welche die gleiche Auffassung vom Schreiben an Wänden öffentlicher und privater Gebäude vermitteln. Sowohl die inhaltliche als auch die visuelle Darstellung der Graffiti war äußerst gelungen, und besonders das digitale Präsentationskonzept zu den originalen Exemplaren im Palast wie die sinnliche Erfahrbarkeit der Graffiti anhand der 3D-Drucke haben beeindruckt.

Link zur virtuellen Tour durch die Ausstellung:
http://www.isiaurbino.net/palazzodaleggere/

Zur Konferenz zur Ausstellung siehe: https://historischegraffiti.wordpress.com/2017/05/02/ausstellung-und-konferenz-la-pietra-racconta-in-urbino/

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